Karen Radner — Andrea Squitieri (eds.)
Assur 2025.
Further insights into life and death in the New Town
Exploring Assur — Volume 3
Format: 30 x 21 cm — Hardcover
Umfang: 270 Seiten, mehr als 220 meist farbige Abbildungen
ISBN: 978-3-935012-74-4
Preis: 65,00 €
© PeWe-Verlag 2026
Erscheinungstermin: Ende Juni
Die fortschreitenden Ausgrabungen im Schnitt NT1, der 2023 angelegt wurde, verfeinern die stratigraphische Abfolge der Neustadt weiter. Vor allem liefern sie wichtige neue Hinweise auf die Kontinuität der Besiedlung nach der Eroberung der Stadt Assur im Jahr 614 v. Chr. Ausgrabungsbefunde und Radiokarbondatierungen dokumentieren nun zwei aufeinanderfolgende hellenistische Nutzungsphasen: das ältere Gebäude C und das jüngere Gebäude A. Gebäude C wurde im Verlauf der Abtragung von Gebäude A neu identifiziert und liefert aufgrund der Konzentration von Webgewichten und zugehörigen Installationen klare Hinweise auf die Textilproduktion dieses Haushalts, während mehrere in die Wohnarchitektur integrierte Bestattungen Einblicke in die sich wandelnden Bestattungssitten der hellenistischen Zeit geben.
Unterhalb dieser Schichten setzten wir die Erforschung des neuassyrischen Gebäudes B fort. Es handelt sich dabei um die großzügig angelegte Residenz einer wohlhabenden Familie. Nach der derzeitigen Rekonstruktion auf Grundlage der Ausgrabungen von 2025 und 2026 umfasste dieses Gebäude mit zentralem Empfangsraum, Höfen und Nebenräumen ursprünglich eine Fläche von etwa 770 Quadratmetern und zählt damit zu den größten bislang bekannten Privathäusern im neuassyrischen Assur. Das Gebäude entging offenbar der Zerstörung während der Ereignisse von 614 v. Chr., und die vorläufigen Keramikanalysen legen nahe, dass zumindest Teile des Gebäudes noch lange nach der Eroberung der Stadt weiter genutzt wurden. Die Ausgrabungen leisten damit einen wichtigen Beitrag zu den aktuellen Debatten über Kontinuität und Wandel in Assur um 600 v. Chr. und darüber hinaus.
Das interdisziplinäre Analyseprogramm erweitert den für Assur verfügbaren umweltarchäologischen sowie organischen und anorganischen Datensatz erheblich. Unsere neuen geoarchäologischen Bohrungen zeigten, dass der Verteidigungsgraben vor der Stadtmauer ursprünglich mehr als fünf Meter tief gewesen sein könnte, und präzisierten zugleich die Baugeschichte mehrerer Tempel in der Altstadt. Bohrungen unter dem Allerheiligsten des Ischtar-Tempels dokumentieren eine Schicht importierten Sandes unterhalb des ersten Baus und lieferten eine Radiokarbondatierung bis in die Frühdynastische Zeit I, wodurch sich die bislang früheste nachgewiesene Besiedlung Assurs bereits in das frühe 3. Jahrtausend v. Chr. datieren lässt. Unter dem Schamasch-Tempel und dem Anu-Adad-Tempel konnten dagegen keine vergleichbaren Sandschichten festgestellt werden.
Unter den Kleinfunden aus neuassyrischer Zeit finden sich ein bronzenes Entengewicht, Bronzefibeln, fragmentierte Steingefäße aus Serpentin und gebändertem Kalzit sowie ein Rollsiegel; daneben Terrakotten verschiedener Zeitstellung, darunter das Fragment einer männlichen Figur mit der charakteristischen makedonischen Kopfbedeckung namens kausia. Dieses sehr fein gearbeitete, in Doppelform hergestellte Stück ist wahrscheinlich ein Import und kann in die Zeit vom späten 4. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. datiert werden. Die Keilschriftfunde sind Fragmente beschrifteter Ziegel und Tonkegel mittelassyrischer Herrscher wie Puzur-Aššur III. (ca. 1521–1498 v. Chr.) und Adad-nerari I. (1305–1274 v. Chr.), die in der jüngeren Architektur wiederverwendet wurden.
Die Untersuchungen von Korb- und Lederresten liefern außergewöhnlich seltene Einblicke in organische Handwerkstraditionen in Nordmesopotamien, darunter sehr wahrscheinlich das erste sicher identifizierte Korbflechtwerk aus neuassyrischer Zeit. Die Reste des in Gebäude B geborgenen Stücks wurden in Köperflechttechnik hergestellt und zur Abdichtung mit Bitumen beschichtet. Die Lederfunde stammen aus hellenistischen Gräbern und dokumentieren Verarbeitungstechniken wie Falten, Prägen und Zugbandverschlüsse. Ihre Erhaltung ist auf die pflanzliche Gerbung unter Verwendung von gerbstoffreichen Pflanzen wie Eiche, Pappel und Maulbeere zurückzuführen, die alle im archäobotanischen Befund von Assur nachgewiesen sind.
Durch die laufenden archäobotanischen Untersuchungen durch Holzkohleanalyse und paläobotanische Bearbeitung der Flotationsleichtfraktion kann eine immer größere Vielfalt an kultivierten und importierten Hölzern und anderen Pflanzen nachgewiesen werden, darunter nun auch die ersten sicheren Belege für Zeder (Cedrus sp.) und Hafer (Avena) im neuassyrischen Assur. Zudem bestätigen diese Forschungen die zeitlich übergreifende Dominanz des Anbaus der trockenheitsresistenten Gerste, wobei die Getreideverarbeitung innerhalb aller ausgegrabenen Gebäude nachgewiesen werden kann. Für die neuassyrische Zeit gibt es deutliche Hinweise auf lokalen Gartenbau, darunter Schnittreste von Feigen- und Palmbäumen sowie Weinreben, die als Brennmaterial genutzt wurden, ebenso wie auf den Anbau von Gemüse, insbesondere Hülsenfrüchten.
Phytolithanalysen aus hellenistischen Bestattungskontexten belegen die bewusste Niederlegung von Pflanzenmaterial. Die Untersuchung der menschlichen Überreste aus diesen Gräbern ergab eine überwiegend junge Bestattungspopulation, wobei alle bestimmbaren Erwachsenen weiblich waren und nur sehr wenige pathologische Veränderungen festgestellt wurden; diese Befunde bieten Einblicke in Bestattungssitten und Demographie im postassyrischen Assur sowie im hellenistischen Nordmesopotamien. Besonders bemerkenswert ist der Fund einer getrockneten Frucht der Schwarzen Maulbeere (Morus nigra) in einem frühhellenistischen Grab, die wahrscheinlich in einem Lederbeutel am Körper der Verstorbenen aufbewahrt wurde: Es handelt sich dabei um die erste sicher identifizierte antike Maulbeerfrucht aus dem alten Vorderasien.
Neben diesen Ergebnissen enthält der Band eine ausführliche Untersuchung des Selman-Hauses, das 1904 als Teil des Grabungskomplexes für Walter Andraes Team errichtet wurde, um zwei ganz wesentliche Mitarbeiter unterzubringen: den Buchhalter Shaul Salman und den Koch Raouf („Vater der einhundertfünfzig Gerichte“), beide aus Hillah bei Babylon. Später wurde das Gebäude von Abdelkadir al-Pachachi bewohnt, dem osmanischen Regierungsvertreter der Ausgrabung, der später Antikenkurator im neu gegründeten Irak-Museum von Bagdad wurde. Durch architekturgeschichtliche und archivalische Untersuchungen rekonstruiert das Kapitel die soziale Welt der Archäologie des frühen 20. Jahrhunderts in Assur und beschreibt die spätere Nutzung des Gebäudes durch das irakische State Board of Antiquities and Heritage und durch das aktuelle Grabungsprojekt.
This third volume of the series Exploring Assur presents the results achieved at Assur, modern Qal’at Sherqat, through the 2025 fieldwork and analytical programme of the Assur Excavation Project, with a particular focus on the New Town. Edited by Karen Radner, Jana Richter, and Andrea Squitieri, the book contains contributions by Katleen Deckers, Eileen Eckmeier, Rafał A. Fetner, Helen Gries, Veronica Hinterhuber, F. Janoscha Kreppner, Karina Länger, Birgül Öğüt, Alessio Palmisano, Karen Radner, Jana Richter, Jens Rohde, Claudia Sarkady, Vanessa Schauer, Andrea Squitieri, and Poppy Tushingham.
The excavations in trench NT1, first opened in 2023, substantially refine the stratigraphic sequence of the New Town. Most importantly, they provide crucial new evidence for the long-term continuity of occupation at Assur after its conquest in 614 BC. Two successive Hellenistic occupation phases can now be distinguished through excavation and radiocarbon dating: the earlier Building C and the later Building A. The newly identified Building C yielded evidence for textile production, including concentrations of loom weights and associated installations, while several graves integrated into the domestic architecture illuminate changing funerary practices during the Hellenistic period.
Beneath these levels, the large late Neo-Assyrian Building B emerged as a substantial high-status residence with a central reception hall, courtyards, and associated rooms. According to the current reconstruction based on the 2025 and 2026 excavations, the building originally covered an area of approximately 770 square metres, placing it among the largest private residences presently known from Assur. The building evidently escaped destruction during the events of 614 BC, and preliminary ceramic analyses suggest that at least parts of the building remained in use well after the conquest of the city. The excavations therefore contribute significantly to current debates concerning continuity and transformation at Assur around 600 BC and afterwards.
The interdisciplinary analytical programme considerably expands the environmental, organic, and inorganic dataset available for Assur. Geoarchaeological coring demonstrated that the city’s defensive moat may originally have exceeded five metres in depth and also clarified the construction history of several temples in the Inner City. Coring beneath the cella of the Ishtar Temple produced a layer of imported sand and a radiocarbon date reaching back into the Early Dynastic I period, pushing the earliest attested occupation of Assur into the early third millennium BC. No such layers were found underneath the Shamash and Anu-Adad temples.
The small finds assemblage includes a bronze duck weight, bronze fibulae, fragmentary stone vessels made from serpentine and banded calcite and a clay cylinder seal from the Neo-Assyrian period, as well as various terracottas including the fragment of a male figurine wearing the distinct Macedonian hat called kausia: this very fine, double-mould-made specimen is likely an import and can be dated to the late fourth to first century BC. The cuneiform finds comprise fragments of inscribed bricks and clay cones of Middle Assyrian rulers including Puzur-Aššur III (ca. 1521–1498 BC) and Adad-nerari I (1305–1274 BC) that were reused in later architecture.
Studies of basketry and leather remains provide exceptionally rare evidence for organic craft traditions in northern Mesopotamia, including what is very likely the first securely identified Neo-Assyrian basketry specimen: the remains of the basket found in Building B were manufactured using a twill plaiting technique and coated with bitumen for waterproofing. The leather finds originate from Hellenistic graves and document working techniques such as folding, embossing, and drawstring closures. Their preservation is due to vegetable tanning using tannin-rich plants such as oak, poplar, and mulberry, all attested in the archaeobotanical record at Assur.
The ongoing archaeobotanical studies through charcoal analysis and palaeobotanical processing of the flotation light fraction are identifying an ever wider range of cultivated and imported woods and other plants, now including the first secure attestation of cedar (Cedrus sp.) and oats (Avena) at Neo-Assyrian Assur, while confirming the dominance of drought-resistant barley cultivation across time, with cereal processing undertaken within all excavated buildings. For the Neo-Assyrian period, there is solid evidence for local arboriculture, from tree prunings of fig and palm trees as well as vines used as fuel, and for vegetable growing, mainly pulses.
Phytolith analyses undertaken in Hellenistic burial contexts demonstrated the intentional inclusion of plant materials in these graves. The analysis of human remains from Hellenistic graves revealed a predominantly young burial population, with all identifiable Hellenistic adults being female and very limited evidence for pathological conditions, while also providing rare insight into funerary practices and demography in post-Assyrian Assur. Particularly remarkable is the discovery of a dried fruit of Black Mulberry (Morus nigra), likely stored in a leather pouch kept on the body of the deceased, in an early Hellenistic grave, as this is the first securely identified ancient mulberry fruit from the Middle East.
In addition to the excavation results, the volume contains a detailed study of the Selman House, originally constructed in 1904 as part of Walter Andrae’s excavation compound to house two key team members: the accountant Shaul Salman and the cook Raouf (“Father of one hundred and fifty dishes”), both from Hillah near Babylon. Later, it was occupied by the excavation’s imperial Ottoman representative Abdelkadir al-Pachachi, later the curator of antiquities at the newly established Iraq Museum in Baghdad. Through architectural and archival analysis, the chapter reconstructs the social world of early twentieth-century archaeology at Assur and traces the building’s continued use within the modern excavation project.